2019/21/03

Pünktlichkeit mit Kindern - so bleibst Du entspannt

Manchmal komme ich morgens ein klitzekleinwenig in einen riesen Stress, wenn meine jüngere Tochter Wirbelwind ihrem Namen mal ausnahmsweise nicht gerecht wird, sondern wie eine lahme Schnecke im Faultier-Modus unbekümmert in ihrer Sockenbox zwei unterschiedliche Socken sucht, à la Pipi Langstrumpf. Ich schau auf die Uhr und denke, ein wenig Hoffnung auf pünktliches Erscheinen im Kindergarten gibt es noch. Obwohl ich meine Tochter immer wieder mal an die Zeit erinnere und mein Bestes gebe, scheint die erwünschte Pünktlichkeit immer mehr in die Ferne zu rücken.


Ich denke: "Wieso gibt es die Zeit? Die nervt mich. Und es gibt ja eigentlich gar keine Zeit, die ist nur ein Konstrukt von uns Menschen. Warum jagt die uns jeden Tag?"


Plötzlich erinnere ich mich an meinen ehemaligen Mitschüler Köbi. Er kam jeden Morgen 8 Minuten zu spät.

Aber beim neuen Geschichtslehrer würde es keine Menschenseele jemals wagen, nur zwei Sekunden zu spät zu kommen! Dachten wir jedenfalls. Denn dieser Lehrer war so streng, dass es den ganzen Unterricht lang so ruhig war wie im Wilden Westen zur Mittagszeit und man schon fast Heuballen durchs Zimmer wehen sah. Und als Schüler Randys Herz aus Angst mal lauter klopfte, drehte sich der Lehrer zackig um und fragte mit grimmiger Miene: "Wer trommelt da?"

Randy: "Ich."

Lehrer: "Randy, hör auf zu trommeln."


Das Köbi-Prinzip:

Jetzt hat es doch der Köbi gewagt, zur ersten Geschichtstunde 8.4 Minuten zu spät kommen! Als Köbi strahlend wie die Sonne, mit roten Backen und zerzaust vom Velofahrtwind das Klassenzimmer betrat, wurde er von uns allen schon zutiefst bemitleidet. Irgendwie erwarteten wir einen Vulkanausbruch seitens des Lehrers. Dieser konzentrierte sich aufs extremste, um nicht gleich wie ein wilder Stier auf den Köbi loszugehen, atmete tief durch (als würde er seit geraumer Zeit ins Yoga gehen) und massregelte den Zuspätkommenden in militärischem, aber doch gekünstelt ruhigem Ton.

Wir waren uns danach jedenfalls einig: "Der Köbi wird sicher nie mehr verspätet eintreffen."


Der Köbi kam aber auch bei der nächsten Geschichtsstunde 8.4 Minuten nach Lektionsbeginn im Klassenzimmer an. Eine gröbere Riesenstrafe und ein Zusammenstauchen vor der ganzen Klasse wurde erwartet, blieb aber aus. Nur die militärisch klingende Zurechtweisung blieb ähnlich: "...aber das nächste Mal also wirklich pünktlich, also ähä, also so geht's nicht weiter!" beendete der Lehrer.


Ihr habt's erraten, der Köbi kam auch das 3., 4., und 5., und 6., 7., und 8. mal 8.4 Minuten zu spät und immer wieder und immer fort bis ans Ende der Tage an dieser Institution. Er hat's überlebt. Irgendwann hat der überaus strenge Lehrer sogar gelächelt und gemerkt, da gibt es einfach was zu akzeptieren. Und der Köbi strahlte weiterhin wie die Sonne, mit seinen roten Backen und der Windfrisur, welche während der Velofahrt dem Wildbach entlang in seine Haare geföhnt wurde. Er lebte irgendwie nicht mit der Zeit.


Und das ist nun das Köbi-Prinzip: Wenn jemand immer und immer wieder zu spät kommt, dann sagt sogar der strenge Lehrer nichts mehr.

Und wenn man doch rausgemschmissen wird, dann gehört man einfach nicht dort hin. Der Köbi hat auf jeden Fall in die Geschichtsstunde gehört. Er war ja immer da (8.4 Minuten weniger lang als der Rest, aber er war da).


Und jetzt?

Was soll denn das Köbi-Prinzip da, Laissez-Faire, und was ist denn mit dem Commitment und so, der Seriosität und dem Mitleben in einer funktionierenden Gesellschaft? Ja, zwischendurch ist Pünktlichkeit wichtig, gewissenhaft einer Arbeit nachgehen, eine spannende Weiterbildung besuchen usw. Da ist es schön und respektvoll, pünktlich zu sein. Aber es gibt auch Situationen, wo man das Köbi-Prinzip leben darf und so die totale Entspannung erleben kann, inklusive Achtsamkeits-Sahnehäubchen.


Darum lebe ich nun das Köbi-Prinzip morgens, wenn Töchterchen Wirbelwind sich für den Kindergarten bereit macht. Ich weiss dann, dass ein Zuspätkommen gar nicht so schlimm wäre. So kann ich es locker nehmen wie der Köbi, was mir widerum hilft, eine wohlwollende Haltung bewahren zu können und fröhlich in den Tag zu starten. Und wenn ich so drauf bin, ist mein Sprössling dann überraschenderweise doch noch püntklich im Kindergarten. Das ist doch was!


Autorin: Priska Michaud

Kommentare


Vielen Dank für den Kommentar

Wir werden diesen nach einer Überprüfung so bald wie möglich freischalten.