2018/11/05

Mama im Ausgang

Der grosse Tag: Ausgang mit vier Freundinnen (alles auch Mütter) ist angesagt. Am Nachmittag kommen schon die ersten Nachrichten in unseren Mama-Chat:

„Hey was zieht man heutzutage in den Ausgang an?“
„Und was ist Mode für Ü40?“
„ Scheisse, ich hab nichts zum Anziehen!“
Es folgen Kleider-Tipps, positive Affirmationen zu unseren Mama-Körpern und Fotos von Kleideranprobier-Sessions.


Dann ist es soweit: Als wir uns treffen, bestaunen wir gegenseitig unsere Kleiderkreationen.
Agnes imponiert: Sie kommt dahergekurvt auf einem Mountainbike mit sehr hohem Sattel und tiefer Lenkstange, der sehr kurze Rock flattert verspielt und lässt die langen Gazellen-Beine noch länger erscheinen. Ihre Füsse stecken in Highheels. Geil! Das ist eine Mama! Das Auto hinter ihr wäre fast in einen Pfosten gefahren.
Donatella hat sich wunderschöne Locken in ihr ebenholz-farbenes Schneewittchen-Haar gezaubert, dazu klimpert sie verführerisch mit ihren Rehaugen.
Irmi kommt keck im Jeans-Ganzkörper-Anzug dahergehopst, wobei ihre blonden Strähnen auf- und abhüpfen.
Bianca lächelt mit ihren vollen Lippen und überzeugt zudem mit ihrem wundervollen Decolleté.
Ich habe mich in ein kurzes Kleidchen geschwungen und zu flache Schuhe angezogen. Ich bin die Kleinste mit den kleinsten Absätzen.


Als erstes gehen wir in eine angesagte Hippster-Bar wo 90er-Hiphop läuft. „Hey weisst Du noch, als wir noch jung waren?“ ruft Agnes durch die laute Musik. „Als wir noch jünger waren“, korrigiere ich, „wir sind immernoch jung!“ Wir tanzen eine runde, aber ich fühle mich nicht ganz wohl dabei (ich weiss gar nicht mehr, wie das geht!).


Danach geht’s weiter an eine Home-Party. Wie ätzend, finde ich lautstark. Ich komme aber trotzdem mit, weil Donatella so fest bettelt. Dort angekommen, entdecken wir als erstes einen Kinderwagen im Treppenhaus. Besorgt gehen wir schnurstraks kontrollieren, ob dort drin ein Baby liegt. Leer. Zum Glück! Wäre ja auch ein armes Baby gewesen, so alleine im Treppenhaus. Plötzlich prusten wir los vor Lachen, wir können uns fast nicht mehr halten. Das war jetzt ein typisches Mutterhormon-gesteuertes Verhalten!


Nun betreten wir die Home-Party. Vor lauter Zigarettenrauch sieht man ca. 1m weit. Igitt, das sind wir uns ja gar nicht mehr gewöhnt von den Krabbelgruppen-Räumen mit Windelduft, wo wir uns seit einiger Zeit regelmässig aufhalten. Darauf essen wir das Buffet leer (mann, gar keine Zeit gehabt zum Essen vorher, vor lauter Kinder-ins-Bett-Bringen), Donatella zerschlägt versehentlich noch einen Teller und wir leeren den Prosecco-Vorrat. Dabei unterhalten wir uns über Kochrezepte und ich erkläre stolz, wie man Gemüse ins Lieblingsessen der Kinder schmuggelt. Da realisieren wir: Hallo? Im Ernst? Kochrezepte in unserem Ausgang diskutieren? „Typisch für uns“, grölen wir, „die Zeiten haben sich doch etwas geändert!"


Als Ausklang unserer abenteuerlichen Nacht besuchen wir eine Underground-Party mit harten Beats, wo wir uns mit unseren weiblichen Vorzügen, Augengeklimper und wenig Verhandlungsgeschick gratis reinbringen. Wow, wir sind noch voll dabei!
Zum Schluss noch tanzen neben den sexiest Kücken in Town, grosser Abschiedsknuddel mit den lieben Freundinnen und ab nach Hause. Es ist schon fast Morgen. Und die Kids werden bald erwachen und ihre müden, verkaterten Mamis aus dem Bett holen.

Autorin: Priska Michaud

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